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Aggada - Agada - Agadtha - Hagada | Talmud

Aggada - Agada - Agadtha - Hagada

Posted 2 mos ago

I. Name, Bedeutung und Charakte­ristik. Der Name: »Aggada, Agada, Agathda« ist aramäisch, die Mundart der Juden in Palästina während und nach dem zweiten jüdischen Staatsleben, von dem »Hagada« die hebräische Form darstellt, die bei den Juden in den ba­bylonischen Ländern in Gebrauch war. Die Bedeutung desselben nach seinem Stamm (t343) »sagen, erzählen, aussa­gen, erklären, angeben, mitteilen, be­lehren, vortragen« ist: Erzählung, Sage, Dichtung, Mitteilung, Erklärung, Be­lehrung, Vortrag, eine Kollektivbe­zeichnung der verschiedenen Wissens­zweige (siehe weiter) in dem talmudischen Schrifttum, die sich nicht mit der Regelung der religiösen Praxis, »Halacha«, beschäftigen. Die Agada ist somit das Produkt der freien Refle­xion, die im Religiösen das Bewusst­sein bildet und weckt, bei dessen Sat­zungen mehr auf die Kenntnis der ihnen unterliegenden Idee bringt und sie nicht als Werkheiligkeit, sondern in ihrer sittlichen bildenden Bedeutung geübt wissen will. Diese Darstellung ist die Fassung der »Agada« in ihrer wei­testen Bedeutung, wofür sie am Schlusse der talmudischen Periode nach derselben, besonders in der Mi­draschliteratur gehalten wurde. Enger war ihr Begriff noch im z. und 3. Jahr­hundert, wo man unter Agada nur die Erklärung der Bibelstellen, die geistige Auffassung des Gesetzes, die Ausdeu­tung und Anwendung der Schrift zur moralischen Erbauung verstand (Bera­choth T o. Baba kama 6ob). Von R. Mair erzählt man, dass die drei Bestandteile seines Vortrages waren: das Gleichnis, die Halacha und die Agada (Sanhedrin 3 8b.). So nennt eine andere Stelle neben Hagada noch: die Worte der Weisheit, die Worte der Sittenlehre u. a. m. (Nidda 49) Auf gleiche Weise heißen die Fächer der jüdischen Stu­dien: Mikra, Bibel, Mischna, Midrasch, Halacha und Agada (Jerus. Schekalim Absch. 5. Jerus. Baba kama Absch. 7. 3. Aboth de R. Nathan Absch. 14. 18. u. 4o. So werden sie als die Wissensfä­cher des R. Jochanan ben Sakai und des R. Akiba genannt.). Eine Charak­teristik der Agada in ihrem Gegensatze zur Halacha enthalten die Aussprüche der Lehre des 3. und 4. Jahrhunderts. »Ein Reicher an Gütern, ein Reicher zur öffentlichen Schau, das ist der Aga­dist.« (Baba bathra 145) »Der Rei­che«, das ist der Talmudist, »der ver­ständige Arme durchforscht ihn,« d. i. der Agadist.« (Jerus. Pea Absch. z.); »Willst du erkennen den, welcher die Welt geschaffen, so lerne Agada« (Sifra zu Sidra Ekeb.); »Vom Ende der Welt ist, was sie füllt; das sind die Agadas, welche den Namen Gottes heiligen.« (Jalkut zu Psalm §. 672.)

II. Kreis, Umfang, Teile, Thema, In­halt, Wesen, Arten. Der Kreis der Ha­gada, Agada, war nach ihrem oben an­gegebenen Begriffe ein weitumfassender. Verschiedene Zweige des Wissens, reli­giöse und profane, die biblischen und nicht biblischen bilden ihr Thema. Ihre Erklärung der Bibel, ihre Lehren und Mahnungen haben die sittliche Hebung des ganzen menschlichen Lebens in allen seinen Verhältnissen zu ihrem Ziele. Freud und Leid, Alter und Ju­gend, Lehrer und Schüler, Fürst und Volk, Staat, Gemeinde und Obrigkeit sollen durch sie ihre religiöse Läute­rung erhalten. In feierlicher Versamm­lung im Lehr- und Gotteshause, wie außerhalb desselben, erhob sie ihre Stimme, da in Leidens- und Verfol­gungstagen die erregten Gemüter zu trösten und vor Verzweiflung zu schüt­zen, dort das Gotteswort zu erklären, die Begriffe von Gott, Tugend und Sitte zu läutern und zu heben. Beim Schei­den der Kinder von ihren Eltern, der Schüler von ihrem Lehrer, der Freunde und Verwandte aus der Mitte der ihri­gen, der Verbannten von ihrer liehen Heimat usw., sprach die Agada ihr auf­richtendes Wort, das die Scheidenden segnend geleitet. Ebenso war sie es, die am häuslichen Herd, bei Erziehung, Heranbildung und Versorgung der Kinder, oder wo Krankheiten, andere Unglücksfälle die Freuden in der Fami­lie zu vernichten drohten, ratend mit ihren Lehren zur Seite stand. Auf Gast­mählern und Trunkgelagen, wo die Freude auszuarten drohte, ertönte das Wort der Agada und wies sie in ihre Grenzen zurück. An Shabbath und Fest erscholl ihre Belehrung in der Überset­zung des aus der Thora Vorgelesenen, in der freien Rede im Anschluss an das Maphtir, oder sonst in einem Vortrag. Voraus ging sie den ernsten Studien der Halacha, um den Geist des Forschers zu erfrischen und zu beleben. Der Halacha selbst half sie nicht selten mit ihren Kenntnissen der Geschichte, Geographie, des Lebens und der Sitten der Völker, der Erklärung fremdsprachlicher Ausdrücke. Die Geheimlehre, von der die Halacha nichts weiß, fand da ihre treue Pflege. Auch Gespräche über Zauberei und Wahrsagerei, Geister und Gespenster, Astrologie usw., treffen wir bei ihr. Nach außen nahm sie den Kampf gegen die Angriffe auf das Judentum auf, beleuch­tete das innere Wesen des Gesetzes und löste die scheinbaren Widersprüche der Schriftstellen. Letzteres nötigte die Aga­disten, die profanen Wissenschaften in den Kreis ihrer Studien zu ziehen.

Wir unterscheiden daher bei der Aufzählung der verschiedenen Themen der Agada zwei Klassen: a. die primä­ren, b. die sekundären.

Zu ersteren gehören:

1. die Übersetzung und Erklärung der Bibel und die dazu gehörigen Dis­ziplinen: Geographie, Geschichte, Grammatik, Genealogie, Polemik und Apologetik;

2. die Ethik: als Moral-, Klugheits­und Weisheitssprüche, Trost- und Er­mahnungsreden in verschiedener Ge­stalt mit und ohne Anknüpfung an einen Bibelvers, mit oder ohne Gleich­nis, in Sinn- und Denksprüchen sowie in ganzen Reden;

3. Dogmatik und Kultus als Lehren über Gott, Welt, Mensch, Vergeltung, Offenbarung, Gesetz, Tradition, Got­tesdienst u. a. m.;

4. Geheimlehre: Kabbala, Dämono­logie, Astrologie, Zauberei usw.;

5. Gebete, die festen und die Gele­genheitsandachten, Poesien und Dich­tungen.

Die andern sind: die Naturwissen­schaften:

I. Astronomie, Arzneikunde, Zoo­logie, Botanik u. a. m.;

2. Länder-, Staaten- und Völker­kunde;

3. Mathematik und Rechenkunst;

4. Philosophie und Psychologie und 5. Sprach- und Sittenkunde.

Die Arten der Agada nach dieser Klassifikation sind: I. die exegetische; 2. die dogmatische und kulturelle oder religiöse; 3. die ethische; 4. die ge­schichtliche; 5. die mystische und 6. die der profanen Wissenschaften.

III Bildung und Vortragsweise. Die Agada in ihrem engern Sinne als Exe­gese hatte allmählich zur Erklärung der Bibelverse feste Normen, Gesetze, Re­geln aufgestellt, Hilfsmittel, die ihren Jüngern überliefert wurden, um sie auf sichere Bahnen zu lenken und vor Will­kür und Abschweifung zu schützen. Wir rechnen hierher: die 3 2 Regeln des R. Elieser, Sohn des R. Jose Haglili (im z. Jahrh.), die Traditionen, die Notari­kon, vermöge deren man jedes Wort in mehrere zerlegen kann, u. a. m. Freier war die Bildung der Agada in ihrem weitern Begriff. Sie geschah mit An­knüpfung oder Anlehnung an den Bi­belvers, aber auch frei, ohne denselben. Sie stieg von der Erklärung des Bibelverses zur moralischen Erbauung und geschichtlichen Betrachtung auf, oder begann mit derselben gleich, ohne ihr erst eine Bibelstelle unterzulegen. Au­ßer der Bibel war es oft die Halacha, an die sie ihre moralischen Lehren ge­schickt anknüpfte, um so von den strengen Satzungen der Halacha zu den herzgewinnenden Betrachtungen der Agada überzugehen. Zur Darstellung ihrer Wissensfächer genügte ihr nicht mehr die einfache Rede, die Sprache und Vortragsweise musste gehobener sein und verschieden wechseln.

Dasselbe geschah dreifach durch: a. die natürliche, einfache Rede; b. die al­legorische-symbolische Darstellung und c. die hyperbolische Aufschmü­ckung.

a. Die erste Form, die einfach be­schreibende Art, wurde gewöhnlich zur Erklärung von Bibelstellen oder im Vortrage geschichtlicher Ereignisse so­wie für das rein Wissenschaftliche überhaupt gebraucht. Ebenso waren derselben die Sittensprüche, die Klug­heits- und Weisheitslehren, wo es sich nur um Erweiterung der Erfahrung handelte.

Dagegen war b. die zweite Form, die allegorisch symbolische, in den Er­mahnungs- und Ermunterungsreden, den Trost- und Beruhigungszurufen üblich, wo auf eine Wirkung auf das Gemüt zur Weckung oder Mäßigung der Gefühle abgesehen war.

c. Die Dritte endlich, die hyperboli­sche, war gebräuchlich, wenn der Vor­ trag die Phantasie erregen und auf sie wirken soll.

Die allegorisch symbolische Rede­form hatte: a. kurze allegorische Bilder, b. größere als z. B. die Fabel und das Gleichnis, die Mythen und Sagen. Der Stoff zur Bildung derselben wurde ent­nommen aus der Bibel, der Geschichte, der Natur, von dem Menschen, den Tieren, den Pflanzen und Gewächsen, der Personifikation abstrakter Begriffe und Eigenschaften, endlich von Strö­men, Bäumen, Metallen, u. a. m. Die kürzeren Allegorien wurden angewen­det bei Einschärfung von kurzen Sinn-und Lehrsprüchen, Erteilung eines ge­heimen Rates, usw. Dagegen gebrauchte man die längeren Allegorien bei Segen­serteilung, Verabschiedung, Schilde­rung der Größe der Tugend und der Abscheulichkeit der Laster.

Die dritte Redeform, die hyperboli­sche, umfasste drei Gattungen: a. das Wunderbare, b. das Rätselhafte und c. das Mythische. Man bediente sich der­selben selten, am meisten nur, um das Volk aus seiner Erschlaffung zu reißen, durch auffallende Erzählungen das Feuer der Phantasie zu entzünden und die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu spannen. So wurden die Tugend, das Laster, sogar die Gottheit nach mensch­licher Weise personifiziert. (Wir rech­nen hierher die Sagen über die Unterre­dung der Engel mit Moses vor dem Empfang der Zehn Gebote auf Sinai; die Gespräche Moses mit dem To­desengel vor seinem Absterben; die Sage von R. Josua, Sohn Levi, der le­bendig ins Paradies kam.) Wir rechnen hierher die Gott beigelegten Anthropo­morphismen und Anthropopathismen: Gott weint, Gott lacht, hält halachische Vorträge, legt Tephilin usw. Ferner ge­hören hierher: auffallend fremde Aus­drücke, ungewöhnliche Ausschmü­ckungen der Geschichte, Berichte äußerst seltener Naturerscheinungen. Diese hyperbolische Redeform findet die Agada schon in der Bibel vorgebil­det. Es sind dies die Ausdrücke: »hoch bis in den Himmel« »Gott kam herab« »Gott zürnt« »Rauch steigt auf aus sei­ner Nase« u. a. m.

IV. Geschichte und Würdigung. Die Agada in ihrem weiteren Begriff, wie sie nicht bloß die Erklärung der Bibel, sondern auch deren Verhältnis zu den Tagesbegebenheiten zu ihrem Gegen­stand hat, den Grund des Gesetzes auf­sucht, losgelöst vom Bibelverse eigene Sprüche, Lehren, Sagen und Gleich­nisse aufstellt, Israels Geschichte, Beruf und Aufgabe bespricht, dessen Verhält­nis zu den andern Völkern bestimmt u. a. m., hat schon in der Bibel das feu­rige Prophetenwort, die Kernlehren der Hagiographen, verschiedene Teile des Pentateuchs, wo Moses als Prophet und Lehrer über die Geschichte und Bestimmung Israels, die Bedeutung des Gesetzes spricht, zu ihren Vorläufern und kann als deren Fortbildnerin be­trachtet werden. Das freie Propheten­wort, wie es sich neben dem geoffen­barten Gesetz erhob, seine Macht entfaltete, spiegelt sich wundersam, wenn auch nicht in seinem kühnen Schwung, in den Lehren der Agada ab. Ihr Anfang beginnt, als jenes erloschen oder im Erlöschen begriffen war. Die Institution der Übersetzung der öffent­lich vorgelesenen Bibelstücke in der Landessprache, die man auf Esra zu­rückführt, hat sie geschaffen. Man las, übersetzte und erklärte den Pentateuch, und diese Erklärungen, wie sie teilweise uns heute noch in den Bruchstücken der Targumim vorliegen, enthielten die ersten Bestandteile der Agada. Sie tritt noch da an den Vers gebunden auf, will denselben nur erklären, aber schon knüpft sie an ihn verschiedene Mah­nungen, wo sie von der Vergangenheit zur Gegenwart übergeht, um- deren Ta­gesgeschichte zu beleuchten. Weiter und freier entwickelt sie sich seit den Eroberungen Alexanders d. Gr. in Asien, wo griechische Sitten und An­schauungen mit den jüdischen in Kampf traten. Es waren die Jahre der syrischen Bedrückung und der Frei­heitskämpfe der Makkabäer, aus der uns manche Spruchsammlung und Ge­schichtsaufzeichnung der Agada über­liefert sind. Sie hatte schon ihre zweite Stufe erreicht, sie erhebt sich über den Vers oder hat sich schon ganz von ihm losgelöst. Wer kennt nicht die schönen Sprüche in dem Sirachbuche, einige in den Pirke Aboth und manches in den andern apokryphischen Büchern, die dieser Zeit anzugehören scheinen. Auch auf einer dritten Stufe ihrer Entwicklung sehen wir die Agada zur Zeit der Sektenbildung und Parteikämpfe im Judentum, wo das Volk für oder ge­gen das eine und das andere gewonnen werden sollte. In Gleichnissen, Allego­rien und Fabeln aller Art erhob sich die freie Rede, und wo eine Menschen­menge sich zusammenfand, im Tempel, in den Synagogen und Lehrhäusern, vor, in und nach dem Gottesdienste, auf Straßen und anderen öffentlichen Plätzen, besonders als das Volk zu den Festen nach Jerusalem wallfahrte, da erscholl ihre Stimme der Belehrung und Ermahnung. Die Agada ist zur Zeit der Auflösung des jüdischen Staa­tes durch die Römer nicht bloß im Dienste der Bibel die Erklärerin ihrer Aussprüche, sondern tritt auch schon als selbständige Dichterin von Senten­zen, Gleichnissen, Fabeln usw. auf und versucht sich in Reden und verschiede­nen Diskussionen bis zur Höhe philo­sophischer Betrachtungen. Eine alte Quelle bringt den Ausspruch der ersten Bibelexegeten: »Willst du den erken­nen, welcher die Welt erschaffen, lerne Agada.« So ausgerüstet war sie, als sie berufen schien, eine unerschöpfliche Lehr- und Trostquelle des Volkes zu werden. Nach dem Verlust der politi­schen Selbständigkeit wiederholten sich stärker als je die Angriffe auf die geistigen Güter, die Lehre und das Ge­setz des Judentums, um auch den geis­tigen Verband, der die Juden noch zu einem Gesamtorganismus vereinigte, zu vernichten. Das Judentum rüstete sich zu einem Gegenkampf, und die Agada war die mächtigste Waffe, die in der Hand geschickter Führer jeden An­griff von außen siegreich zurückzu­schlagen und im Innern des Judentums Einheit und Festigkeit herzustellen ver­stand. R. Jochanan ben Sakai, R. Gam­liel, R. Josua ben Chananja, R. Ismael, R. Akiba, R. Tarphon, R. Elieser ben Hyrkanosos, R. Jose Haglili, R. Elieser ben Asaria u. a. m. waren Männer, die vor und in den barkochbaischen Auf­standsbewegungen mit dem freien Wort der Agada diese ihre Tätigkeit so rühmlich eröffneten. Eine nicht geringe Anzahl von Unterredungen und Dispu­tationen der Gesetzeslehrer mit Grie­chen und Römern sind uns in den Tal­muden und Midraschim erhalten, die Zeugnis über diese Geisteskämpfe der Juden gegen Griechen, Römer, Chris­ten, Gnostiker u. a. m. ablegen. Aber auf dieser Höhe, wo sie ihre Blütezeit feiert, bemerken wir schon bei ihr et­was Fremdes, das sich ihrem Wesen angesetzt und Schuld ihrer spätern Ausartung und Verdüsterung ist. Die Bekämpfung heidnischer Angriffe auf das Judentum hat die Kenntnisse der Lehren, Sitten und der Anschauungs­weise des sie umgebenden Heidentums, das Bekanntwerden mit den Philo­sophen des Neuplatonismus, des Gnos­tizismus und der verschiedenen Sekten des jungen Christentums erfordert und diese waren es, die in dem Geiste der Agadisten etwas zurückgelassen, von dem sie sich nicht mehr ganz befreien konnten. Eine Talmudstelle erzählt uns von vier Lehrern, die sich mit esote­rischem Wissen beschäftigten, oder wie es wörtlich heißt: sie drangen in das Paradies ein, von denen drei: Ben Asai, Ben Soma, Elisa ben Abuja mehr oder weniger in ihren frühern reinen An­schauungen über Gott und Welt, Reli­gion und Sitte erschüttert wurden, und nur einer, R. Akiba, gerettet wurde, von dem es hieß: »R. Akiba ging mit Frieden hinein und kam im Frieden heraus! « So wurde Pappus mehrere Mal von R. Akiba wegen seiner gnos­tisch klingenden agadischen Ausle­gungen zugerufen: »Du hast genug, Pappus!« Aber auch Akiba wurde in Bezug auf seine fremden, mystischen Agadalehren bald von R. Jose dem Ga­liläer, bald von R. Elieser ben Asaria, auch von R. Ismael heftig angegriffen. »Wie lange noch profanierst du die Gottheit.« »Akiba, was hast du bei der Hagada, begib dich lieber zu den Satzungen der Negaim und Ohaloth!« »Akiba du irrst, Engel essen nicht! « Auf gleiche Weise verwies R. Gamliel ben R. Neharai, als dieser in seinem Agadavortrag erzählte, die Israeliten haben beim Durchzug durch das Meer aus den Wellen des Meeres Feigen, Granatäpfel usw. für ihre Kinder ge­holt: »Auch du bist von den Wunder­süchtigen! « R. Akiba erklärt, »Elia ben Berachel im Buche Hiob sei Bileam und der Holzsammler in der Wüste, der den Shabbath entweiht hat, sei Zelpchad, worauf ihn R. Elieser ernstlich verweist: »Akiba, so oder so wirst du einst darüber zu Gericht gefordert! « Von Ben Asai hieß es: »Er schaute und starb.« Von Ben Soma: »Er schaute und ward irre.« »Noch ist Ben Soma außer­halb!« Doch war im Ganzen der Ein­fluss dieser fremden von außen ins Ju­dentum eingedrungenen Philosophismen für die ersten zwei Jahrhunderte noch unbedeutend, aber schon war die Saat da, die bei Ermangelung des vorsich­tigen Gärtners Unkraut emporschießen und alles Bessere überwuchern konnte. Andererseits erhielt die Agada, beson­ders die Auslegungsagada, von den Lehrern dieser Zeit manche Bereiche­rung. R. Elieser, R. Josua. R. Gamliel machten Gebrauch von der Erklärung durch das mnemotechnische Mittel des Notarikons, mittels dessen jedes Wort nach seinen Buchstaben in mehrere Wörter geteilt wird. R. Elieser ben Asa­ria kannte die Erklärung mittels der Moristellung und Wortfolge, Semichin. Derselbe stellte auch in Bezug auf die Anthropopathismen und Anthropo­morphismen in der Bibel den Grund­satz auf: »Die Thora redet nach der Redeweise der Menschen«; ferner: »Nur die Bibel gebraucht von Gott di­ese Bezeichnung.« R. Akiba deutet die Bindewörter mit auch, und R. Jose Haglili stellte die später oft gebrauchten 13 Regeln der Exegese fest. Auch die Sprüche wurden weiter und schöner ausgebildet und die Gebete erhielten ihre festen Formen. In ausgezeichneter Weise hatte man die Fabel und das Gleichnis kultiviert. Die Fähigsten, die sich in der Agada auszeichneten, hat­ten sich unter besondern Namen die Gleichnisagadisten und die Forschera­gadisten, ferner die Agadisten des Sü­dens Palästinas genannt. Eine andere Stellung hatte die Agada nach der un­glücklichen Niederlage des barkoch­baischen Aufstandes, wo ihr Wir­kungskreis mehr nach innen ging, das Volk in seinem Schmerz zu trösten, es aufzurichten und ihm ratend zur Seite zu stehen. In dieser Zeit wirkten größ­tenteils die letzten Schüler R. Akibas, nämlich R. Mair, R. Juda, R. Jose, R. Simon, R. Elasar ben Schemua, R. Ne­chemia, R. Josua ben Korcha, R. Juda ben R. Jose Haglili u. a. m. Bekannt sind die rührenden Dankreden, welche diese Lehrer am Schluss ihrer wiederer­öffneten Synhedrialsitzungen zu Uscha an die gastfreundlichen Bewohner die­ser Stadt richteten. R. Mair war als Fa­beldichter berühmt und R. Jose durch seine Trost- und Ermutigungsreden. Ersterer teilte seinen Vortrag in Ha­lacha, Gleichnisse und Agada. Am be­deutensten war Elieser ben R. Jose Haglili, von dem es hieß: »Überall, wo du die Worte der Agada des R. Elieser, Sohn des R. Jose findest, mache dein Ohr einem Trichter gleich.« Von ihm wurden 3 z Regeln der Agada zur Er­klärung der Bibelverse aufgestellt. Das Charakteristische der Agada dieser Pe­riode ist, dass sie mehr in ihrem engen Rahmen gepflegt und so neben den an­dern Wissenszweigen aufgestellt wird. In der darauf folgenden, unter der letz­ten Zeit des Patriarchats R. Simon Sohn Gamliels weiß man nichts Bedeu­tendes von den Leistungen auf dem Gebiete der Agada zu erzählen. Nur von R. Nathan ist die Schilderung der trüben Zeit der hadrianischen Verfol­gungsedikte gegen die Juden: »Warum wirst du getötet, weil ich den Shabbath gehalten usw.« Eine bessere Zeit trat für sie ein unter dem Patriarchat des R. Juda I. (von da bis 218). Es stehen wie­der bedeutende Persönlichkeiten auf, die sich der Pflege der Agada hingeben. Bar Kappara wird durch seine Fabel­dichtungen, Gleichnisse und andere Zeitscherze bekannt, nicht minder groß ist R. Chia bar Abba durch seine Aga­davorträge im Allgemeinen. Levi ben Sissi versuchte an halachische Sätze agadische Lehren zu knüpfen, ein Ver­fahren, das schon R. Jochanan ben Sa­kai nachgerühmt wird. Kühn und frei erhob sie sich wieder, ihr Wort schwang sich in beißendem Scherz selbst gegen die Großen. Das erregte Besorgnis und man befürchtete von ihr manche Ent­würdigung des Heiligen. Bar Kappara erhielt daher wegen seiner freien Agada-Äußerungen manchen Verweis von R. Juda I. und R. Chia, der selbst Pfleger und Freund der Agada war, tut, als er eines Agadabuches ansichtig wurde, den Ausspruch: »Wenn darin noch so viel Gutes steht, möge die Hand desjenigen abgehauen werden, der es geschrieben.« Es ist möglich, dass er nur gegen das Aufzeichnen der Agada ist und sie nur in ihrer alten flüssigen Form erhalten haben will. Wir haben also auch aus dieser Zeit Neues zu berichten, es ist dies das Nie­derschreiben der Agada, wovon in den früheren Perioden nichts erwähnt wird. Einen bedeutend größeren Wirkungs­kreis erhielt die Agada mit dem Eintritt des 3. Jahrhunderts, wo zu ersterem die Polemik und Apologetik des Juden­tums gegenüber dem immer weiter um sich greifenden Christentume in Paläs­tina und dem erstarkten Neuparsismus in den babylonischen Ländern hinzu­kam. Es galt der Verteidigung des Ju­dentums gegen jeden feindlichen An­griff auf seine Lehren und Institutionen. An der Spitze dieser neuen Agadatätig­keit stehen: R. Samuel, R. Jochanan, R. Abbahu, R. Simlai, R. Josua ben Levi u. a. m. Mehr nach innen waren die Agadavorträge des R. Jochanan und R. Simon ben Lakisch; in den ba­bylonischen Ländern: die des Rabh, Samuel u. a. m. Es würde zu weit füh­ren, hier über ihre weitere Richtung und Bestrebungen in der Agada zu sprechen, und wir verweisen darüber auf die betreffenden Artikel dieser Leh­rer. Aber welche große Ausbreitung die Agada damals hatte, darüber stellen wir hier die Aussprüche mehrerer Leh­rer dieser Zeit zusammen. R. Jizchak sagt: »Früher war die Thora alles, man strebte zu hören die Worte der Mischna und des Talmud, aber gegenwärtig, wo die Thora nicht die Hauptsache ist, will man nur Agada hören.« (Midr. r. zum Hohld.) R. Levi meint, nicht die Leute, sondern die veränderten Zeit­verhältnisse sind der Grund der Aus­breitung der Agada. »Früher«, sprach er, »war Geld unter den Leuten und man hörte gern Mischna und Halacha, aber jetzt bei der Armut und dem drü­ckenden politischen Joch möchte man immer nur Trostverheißungen und Se­genswünsche hören.« »Die Agada, so lehrte R. Abbahu, gleicht den Waren, die jedes Mannes Kauf ist.« Diese ge­wonnene Macht der Agada führte ihr jedoch bald wieder fremde Elemente zu, die eine starke Trübung ihrer Leh­ren zur Folge hatte, wo man auf deren Reinhaltung und Ausscheidung des Schädlichen bedacht sein musste. Es erhoben sich daher auch jetzt, wie schon früher bei solchen Anlässen, wieder Männer, die den Anbau der Agada von den ihn überwuchernden fremden Schlingpflanzen zu befreien suchten. Wir nennen: R. Josua ben Levi, R. Abbahu, R. Seira; in Babylo­nien: Rabh, Samuel u. a. m. Man unter­scheidet die reine Agadoth von den unlauteren, Schmäh-Agadoth, und ein späterer R. Seira, nennt die Bücher sol­cher Agadoth »Zauberbücher«. Man ging daher mit der Mitteilung der Aga­doth immer vorsichtiger um, für die nicht jeder würdig genug gehalten wurde. Wie peinlich man damit ver­fuhr, erhellt aus der Erzählung, nach der sogar ein R. Josua ben Levi von R. Jonathan, den er um Mitteilung von Agadoth ersucht hatte, zurückgewiesen wurde mit den Worten: »Es steht bei uns fest, wir überliefern keine Agadoth den Männern aus dem Süden, weil sie hochmütig sind, nicht den Babyloniern wegen ihrer Unwissenheit in der Thora.« Es machte sich daher die Sitte geltend, die Agada-Lehren unter re­daktioneller Revision der bedeutends­ten Lehrer zu ordnen. R. Josuas b. L. Aussprüche gegen die unlautere Agada sind: »Diese Agadetha, wer dieselbe schreibt, wohl abfasst, hat keinen An­teil im Jenseits, wer sie vorträgt, soll verbrannt werden, wer sie hört, emp­fängt keinen Lohn.«; ferner: »Denn sie merken nicht auf die Werke des Ewi­gen, das sind die Agadoth.« Anderer­seits wird er selbst als Agadist und Kenner der Agada gerühmt, der die Agada preist, weil sie den kleinen Münzen gleicht, die jedem Mann zu­gänglich ist, und deren Erwerb er den Söhnen verheißt, deren Väter Gerech­tigkeit und Wohltätigkeit üben. Von R. Abbahu werden seine Maßregeln ge­gen die Übergriffe der Targumisten und Agadisten oft erwähnt. Aber Abbahus Agadavorträge selbst waren von diesen Auswüchsen nicht frei und wurden einmal von den Zuhörern öffentlich verlacht. Ein ganz neuer Akt war die Erlaubnis der Aufzeichnung der Aga­doth, die von den Lehrern R. Jochanan und R. Simon ben Lakisch ausgespro­chen wurde. Es war dies gegen die Lehre des R. Chia ben Abba im z. Jahrh., der das Aufzeichnen und den Gebrauch der Agadothbücher verbot. R. Jochanan lehrt: »Wer Agada aus dem Buch lernt, wird sie nicht bald vergessen.« So studierte er in Gemein­schaft mit R. Simon ben Lakisch in den Büchern der Agada und erklärte: »Eine Zeit für den Ewigen, sie zerstören deine Thora; besser die Thora werde ausge­rissen, als dass sie vergessen werde.« Gebrauch von dieser Erlaubnis mach­ten in Babylonien: Rabh (im 3. Jahrh.), Rab Papa und Rab huna Sohn des R. Josua (beide im 4. Jahrh.). Dagegen war man in Palästina noch lange nicht damit einverstanden. R. Josua ben Le­vis' Protest gegen das Niederschreiben der Agadoth haben wir bereits er­wähnt. R. Seira (im Anfang des 4. Jahrh.) schließt sich demselben ganz an und nennt die Bücher der Agada »Zau­berbücher«. Als man ihn nach der Ur­sache seines feindlichen Auftretens ge­gen dieselbe fragt, antwortete er: »Frage sie selbst und sie werden es dir sagen.« Sonst war er als bedeutendster Agadalehrer sehr gesucht, ein Beweis, dass er kein Feind der Agada im Allge­meinen sein konnte.(Vergl. Midr. scho­cher tob Absch. 15 ). Andere aus dieser Zeit verschärften noch mehr diese Lehre: »Die Aufzeichner der Benedei­ung, Teil der Agadoth, sind gleich de­nen, die die Thora verbrennen.« Doch muss die Ausartung und Verwirrung auf dem Gebiete der Agada im 4. Jahrh. nicht gering gewesen sein, da man die völlige Ignorierung der Agada als das einzige Mittel gegen sie betrachtete. »Die Agadisten, das sind diejenigen, welche weder erlauben, noch verbie­ten.« (Jerus. Pea Absch. 3.) »Man lerne nichts aus der Agada.« »Man entgegne nichts auf Vorträge der Agada.« Doch wird noch R. Jizchak als die Persön­lichkeit genannt, vor dem R. Ami und R. Assi die Agada ordneten, ein Be­weis, dass die Ignorierung der Agada doch nicht allgemein war, und sie noch ihre Pfleger auch unter den strengen Halachisten hatte. Nur wurde sie gern mit der Halacha vereinigt, um nach beiden Seiten zu befriedigen (Baba kama 6o). Als letzter Agadist in Paläs­tina war Tanchuma bar Abba. In den babylonischen Ländern wurde die Agada weit über den Schluss des Tal­mud noch gepflegt. Von den babylo­nischen Gesetzeslehrern nennen wir als Kenner der Agada: Rabh und Samuel im 3. Jahrh. Letzterer bekämpfte die Astrologie. Abaji, Rabbah b. b. Ghana, Rab Papa und Rab Huna (Sabbath 89), Rab Chasda im 4. Jahrh. Letzterer wird zugleich als die Persönlichkeit ge­kannt, vor der man in Babylonien die Agadoth ordnete. Rabbah leitete seine Halachavorträge stets mit Agada ein. Dagegen wird Abaji seine Versäum­nisse der Agadavorträge zum Vorwurfe gemacht, er gehörte also zu denen, welche die Agada nur im engen Kreise gepflegt wissen wollten. Eine andere Würdigung und Pflege hatte sie in der nachtalmudischen Zeit.