Kabbala – Tradierte Geheimlehre
Kabbala. Tradierte Geheimlehre, traditionelle geheime Theosophie, die auf Voraussetzung von gewissen Lehren beruhenden, im Gegensatz zur voraussetzungslosen Philosophie sich entwickelnden mystischen Philosopheme von Gott, Welt, Menschen, Offenbarung und Gesetz; deutlicher: Chochmath Hakabbala, Weisheit der Kabbala, oder: Chochma nisthara, geheime Weisheit; Kabbalisten, mekubalim, deutlicher: baale mekubalim, Meister der Kabbala; ferner: Jode chen, Kenner der geheimen Weisheit, auch nur kurzweg: Jodiim, Kenner, Wissende, Gnostiker, Benennungen der Pfleger dieser geheimen Lehren, der Kabbala-Beflissenen.
I. Name, Begriff, Wesen, Aufgabe, Stellung und Charakteristik. Der Name »Kabbala«, als Benennung der Geheimlehre der Juden, kommt in dem jüdischen Schrifttum des zehnten Jahrhunderts zuerst vor; er bezeichnet die eigenartige Geheimlehre unter den Juden im Mittelalter, die wir zum Unterschiede von der des talmudischen Schrifttums und der nachtalmudischen, der gäönischen Zeit (siehe: »Mystik«) die dritte Entwicklungsgestalt der Geheimlehre nennen, welche die Verschmelzung der anthropomorphistischen Mystik mit der spekulativen zu ihrem Gegenstande hat, und so als eine aus dem Schoße des Judentums sich entwickelnde Theosophie gekannt ist, die gegen die das Judentum verflachende Philosophie der Juden im Mittelalter gerichtet war und sie zu verdrängen suchte. Von den Kabbalisten werden ihre Lehren als Tradition bis auf die Propheten hinaufgeführt, was jedoch entschieden in Abrede gestellt wird. Die Benennung »Kabbala« bedeutet nach ihrem hebräischen Stamme »Kbl.«, empfangen, im jüdischen Schrifttum jede auf mündliche Mitteilung beruhende, nicht schriftlich verzeichnete Lehre. So versteht man im talmudischen Schrifttum unter »Kabbala« sämtliche nicht pentateuchischen Schriften in ihrem Unterschiede vom Pentateuch, der Thora als dem Grundgesetz der Offenbarungsschrift. Auf gleiche Weise wurde später das in der Mischna zusammengefasste, nichtpentateuchische Gesetz »Kabbala«, »mündlich tradiertes Gesetz«, genannt. Ebenso bezeichnete man in noch späterer Zeit, etwa vom zehnten Jahrhundert ab mit »Kabbala« auch die angeblich auf mündlich überlieferten Lehren beruhende geheime Theosophie der Juden. Zugleich wollte man mit dieser Bezeichnung das Eigenartige derselben, ihren Gegensatz zur voraussetzungslosen Philosophie mit ausdrücken, und sie als die echte jü‑
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